Ralf Ostermann arbeitet seit fast zwei Jahrzehnten in der Unternehmensberatung. Im Gespräch erklärt er, warum viele erfahrene Fachleute bei der Finanzanalyse an denselben Stellen stolpern.
Wo fangen Sie bei einer neuen Analyse an?
Immer bei der Gewinn- und Verlustrechnung. Nicht weil sie die wichtigste Kennzahl liefert, sondern weil sie zeigt, wie ein Unternehmen Geld verdient und wo es verliert.
Dann schaue ich auf den Cashflow. Viele Firmen weisen Gewinne aus, haben aber kaum liquide Mittel. Das ist ein Warnsignal, das die GuV allein nicht zeigt.
Welche Kennzahl wird am häufigsten falsch interpretiert?
Das EBITDA. Es wird oft als Maßstab für Rentabilität verwendet, ignoriert aber Investitionen und Schuldenstruktur vollständig. Wer nur auf EBITDA schaut, sieht ein unvollständiges Bild.
Ralf Ostermann: Eine Zahl ohne Kontext ist keine Analyse. Sie ist eine Behauptung.
Was raten Sie jemandem, der schon Erfahrung hat?
Branchenvergleiche systematisch einbauen. Ein EBIT von 8 % kann in der Softwarebranche schwach sein, im Einzelhandel aber solide. Der Maßstab bestimmt die Aussage.
Außerdem lohnt es sich, historische Zeitreihen zu analysieren. Einmalige Sondereffekte verzerren Jahreszahlen erheblich.
Wichtiger Hinweis
Finanzanalysen liefern Orientierung, keine Gewissheit. Jede Kennzahl sollte im Kontext des Gesamtunternehmens und der Branche bewertet werden — isolierte Werte führen zu Fehlschlüssen.
Drei Analyseansätze im Vergleich
Bewertet Unternehmen anhand von Bilanzkennzahlen, Gewinn- und Verlustrechnung sowie Cashflow über mindestens 3 Geschäftsjahre.
Verbindet Fundamental- und Branchenanalyse. Kennzahlen werden gegen Sektormediane geprüft — aussagekräftiger als isolierte Werte.
Fokus auf 4–6 Kernkennzahlen für eine erste Einschätzung. Sinnvoll als Einstieg, ersetzt keine vollständige Analyse.